Meine Seele hat Muskelkater

Meine Seele hat Muskelkater

Arbeitsmüdigkeit bei Seelsorgern

Gemeinden werden zusammengelegt, die Arbeitsbelastung für die verbliebenen Pastoren und Mitarbeiter nimmt zu. Das Gefühl vieler Kolleginnen und Kollegen lässt sich mit einem Muskelkater vergleichen. Muskelkater entsteht, wenn man die Muskeln zu sehr belastet. Genau das ist das Problem bei vielen Seelsorgern: Sie überlasten ihre Seele. Paulus spricht davon „allen alles zu sein“. Du musst aber nicht allen alles sein bist du nicht mehr kannst. 

Du brauchst auch Erholung.

Die Aufgabe von Priestern und anderen Seelsorgern ist es sich um die Nöte der Menschen zu kümmern, doch oft kommen sie dabei selbst zu kurz.

Eine Arbeitsmüdigkeit zeigt sich auf vielfältige Weise: Morgens fehlt die Motivation zum Anfangen, man ist schon genervt wenn man nur in seinen Kalender guckt, man sehnt sich danach wieder Zeit für sich selbst zu haben, ist übellaunig und unmotiviert.

Lange nicht jeder der diese Zeichen bei sich erkennt, ist von einem Burn-Out bedroht. Doch können es wichtige Anhaltspunkte sein einmal innezuhalten und möglicherweise umzukehren.

Die Gründe für eine Arbeitsunlust sind in unserem Beruf vielfältig:

1. Ein Nachteil gegenüber anderen Berufen ist es, dass man kein direktes Ergebnis seiner Arbeit sieht. Manchmal reibt man sich den ganzen Tag auf, hetzt von Termin zu Termin und hat doch nichts in der Hand was man geleistet hat. Auch bei der Schreibtischarbeit gibt es selten Aufgaben, die ein konkretes Ergebnis hervorbringen. Um diese Schwierigkeit auszugleichen kann es hilfreich sein sich ein Hobby zu suchen, das konkrete Arbeitsergebnisse hervorbringt: Gartenarbeit, Sport, basteln. Ich selbst erlebe die Arbeit im Garten zum Beispiel beim Rasenmähen oder das Staubsaugen in der Wohnung als sehr befriedigend.

2. Ein weiteres Problem ist, dass unsere Arbeitsfelder nicht klar abgegrenzt sind. Niemand sagt uns welche Aufgabe wir an welchem Tag genau erledigen müssen. Und somit kann man auch nicht erkennen wann wir damit fertig sind.

3. Viele Kolleginnen und Kollegen haben außerdem das Gefühl der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit ihrer Arbeit. In den Medien wird Kirche zunehmend kritisiert und die Bedeutung von religiösen Festen im Leben der Familien nimmt zunehmend ab. Da kann in einem schon die Frage nach dem Sinn der eigenen Arbeit aufkommen.

4. Oft fehlen zwischen den einzelnen Terminen klare Zeiten des Um- oder Abschaltens. Ich laufe von einem Termin zum anderen und erledige unterwegs noch einige Telefonate. Auch wenn ich am Abend nach hause komme, warten dort direkt weitere Aufgaben auf mich. Immer wieder nehme ich mir vor, auf dem Heimweg noch kurz in der Kirche zu stoppen und bewusst Feierabend zu machen. Viel zu oft bleibt es bei diesem Vorsatz.

5. Unsere Arbeitszeiten sind leider unklar. Niemand achtet darauf, ob ich morgens um fünf oder um neun beginne und niemand von uns ist jeden Abend bei seiner Familie zuhause. Die Zeit zwischen den Terminen besonders am Nachmittag als Freizeit zu nutzen, musste ich erst erlernen.

6. Eine klar abgetrennte Privatsphäre ist oft nicht gegeben. Die Gemeindemitglieder klingeln an der Tür aus verschiedensten Gründen. Die Einen, weil sie caritative Hilfe brauchen, die Anderen, weil sie einen Schlüssel leihen möchten. Dabei nimmt niemand darauf Rücksicht, ob ich vielleicht gerade mit meinen Kindern spiele oder mit meiner Frau in Ruhe zu Abend essen möchte. Hier ist es wichtig für dich selber eine klare Regelung zu finden. So verteidige ich zum Beispiel auch bei solchen Anfragen radikal meinen freien Tag.

7. Ein Kollege sagte einmal „90 % von dem was ich mache ist doch sowieso falsch, wenn ich auf das höre was die Leute sagen.“ Jeden Tag sind wir Kritik ausgesetzt, sei sie berechtigt oder unberechtigt. Deutlich seltener bekommen wir positive Rückmeldungen, wenn etwas gut gefallen hat. Ein anderer Kollege sagte einmal: „Wenn niemand etwas sagt, ist das schon ein Lob“. Diese ständige Kritik zehrt nicht nur an den Nerven sondern auch am Selbstwertgefühl.

8. Die eigene Spiritualität entfällt oft aus Zeitmangel. Damit beraubt man sich jedoch selbst unserer größten Kraftquelle. Dieses Verhalten kann auf Dauer sogar Glaubenszweifel nach sich ziehen.

9. Zunehmend hat man das Gefühl alleine zu arbeiten. Aus Zeitmangel fällt die kollegiale Beratung oft weg und dem Dienstgespräch werden nur die nötigsten Themen besprochen. Jesus schickte seine Jünger nie alleine los. Wenn er sie ausgesendet hat, dann immer mindestens zu zweit. In Ausnahmefällen schickte er einen Engel mit, so zum Beispiel bei Tobias und Elias auf ihren Wüstenwanderungen. Auch der Apostel Paulus geht nie alleine auf seine Missionsreisen. In erster Linie geht es dabei nicht um eine Verteilung der Arbeitslast auf mehrere Schultern, sondern um die Möglichkeit eines qualitativen Feedback. Einer spricht, einer beobachtet und gibt Feedback. Moses versucht nach der Flucht aus Ägypten zunächst alles selbst zu entscheiden. Dies führt zu einer Überlastung. Daraufhin nimmt sein Schwiegervater Jitro eine der ersten bekannten Organisationsberatungen vor. Er teilt das Volk in Kleingruppen, die sich selbst organisieren und einen eigenen Sprecher haben. Auch unsere heutigen Gemeinden sind unterteilt in viele verschiedene Gruppen. Es ist wichtig klar zu regeln welcher Seelsorger für welche Gruppierung zuständig ist. Wenn sich einer alleine für alle Gemeindemitglieder zuständig und ansprechbar fühlt, wird das über kurz oder lang zwangsläufig in eine Überforderungssituation führen.

Für Geistliche und Ordensangehörige, in einer Überforderungssituation, gibt es das Recollektio-Haus der Abtei Münster Schwarzach. Dort werden die Kollegen in dreimonatigen Therapiekursen geistlich und therapeutisch wieder fit gemacht. Meines Wissens ist dies die einzige katholische Einrichtung dieser Art in Deutschland. Für laienpastorale Dienste fehlt ein solches Angebot.

Wir können jedoch auch selber einiges tun um uns vor einem Burn-Out zu schützen.

So halte ich es für extrem wichtig mindestens einmal im Jahr Exerzitien zu machen. Diese Zeit kann sowohl die Bindung zu uns selbst als auch die Bindung zu Gott festigen. Außerdem hilft es von außen auf die eigene Arbeit und die Gemeinde zuschauen und so vieles neu zu bewerten.

Doch auch in unserem Alltag muss das Gebet einen regelmäßigen Platz finden. Gott lädt uns jederzeit zur Begegnung mit ihm ein, wir müssen dieses Angebot nur annehmen. Das Gebet an einem normalen Arbeitstag nach dem Prinzip „Ora et labora“ findet auch bei Seelsorgern nur noch selten Anwendung. Bei den Muslimen ist es oft selbstverständlich, sich auch während der Arbeit Zeit für das Gebet zu nehmen. So sah ich vor einiger Zeit einen Busfahrer, der in seiner Pause einen Teppich im Bus ausrollte und sein Gebet verrichtete.

Mir selbst hilft es an diese Gebetszeiten erinnert zu werden. Du kannst dazu einfach einen Wecker stellen, eine spezielle App für das Stundengebet nutzen oder aber auch das Gebet mit anderen Handlungen verknüpfen. So kann das Mittagessen ein Auslöser dafür sein vorher zu beten. Beim Zähneputzen schaue ich oft auf den Tag zurück und spreche ein Vater Unser. Oder du kannst deinen Arbeitstag im Büro mit einem Gebet beginnen und beenden.

Wenn du merkst, dass du zunehmend Überforderung verspürst oder du immer wieder keine Lust auf die Arbeit hast, solltest du auch nicht davor scheuen die Hilfe zu suchen. Die ersten Ansprechpartner sind dafür dein Pfarrer und dein Pastoralteam. Vielleicht kann schon eine neue Verteilung der Aufgaben dir helfen. Möglicherweise hat auch ein Kollege Aufgaben die er nicht gerne macht, die dir aber liegen. Ein sinnvoller Tausch kann nur erfolgen wenn du deine Situation anspricht. Schreibe doch einmal alle deine Aufgaben auf und sortiere sie anschließend in folgende drei Kategorien:

1. das macht mir Freude

2. das ist Alltag

3. das mache ich ungern

So vorbereitet fällt es leichter die eigenen Wünsche im Team anzusprechen.

Ein letzter Tipp, der mir sehr hilft: Wenn ich positives Feedback bekomme oder ein Text mir besonders gut getan hat, lege ich diesen in mein Inspirationsbuch. Immer, wenn es mir nicht gut geht, sehe ich in dieses Buch und tanke neue Kraft.

In immer größer werdenden Gemeinden gibt es auch immer mehr Arbeit, aber der eigentliche Grund für eine Überforderungssituation ist eine mangelhafte Sorge für sich selbst.

Als Seelsorger ist es unser Anspruch für andere Menschen da zu sein und wie eine Kerze ihr Leben heller und wärmer zu machen. Doch ist es wichtig darauf zu achten, sich dabei nicht selbst wie eine Kerze zu verbrennen. Wenn Jesus von der Nächstenliebe spricht, sagt er: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“ Auch der zweite Teil dieses Satzes gilt für uns – Gottes Bodenpersonal.

Welche Tipps hast du für Kolleginnen und Kollegen um zu entspannen? Wie tankst du im Alltag auf?

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